VertreterInnen der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rates der Europäischen Katholischen Bischofskonferenzen haben sich Ende Februar in London getroffen, um die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (Sibiu, 4.-9. September 2007) auszuwerten. Der Bischof von London, Dr. Richard Chartres, hat anlässlich einer Veranstaltung in Westminster Cathedral folgende Reflexion über das Thema der “Hoffnung in Europa im Lichte von Sibiu” angeboten.
Der Text für die Vesper stammte aus dem ersten Petrusbrief: “Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er hat uns in seinem grossen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben” (1. Petrus 1,3).
Nach der Enthauptung von Marie Antoinette hielt die Hoffnung Einzug in die Politik auf dem europäischen Kontinent. Diese Hoffnung war, dass der Himmel auf Erden errichtet werden könne, indem eine Formel angewandt würde, mit der die alte Leitung hinausgeworfen, neue Wirtschaftsressourcen generiert und die Lehrpläne verändert würden. Diese Formel hat viele Vorteile gebracht und viel erreicht, und es wäre töricht, dies zu bestreiten.
Inzwischen ist die Hoffnung allerdings wieder im Verschwinden begriffen. Wir haben entdeckt, dass das Glück nicht automatisch durch steigende Produktivität kommt. Viele unserer gesellschaftlichen Probleme scheinen sich aus der Zersplitterung der Gesellschaft und der persönlichen Beziehungen zu ergeben, die so tief sind, dass sie sich für legislative “Schnellschüsse” oder wirksame politische Handlungen nicht eignen. Wir sind entsetzt angesichts des Einflusses unseres jetzigen Lebensstils auf unsere Erde und ihr Klima und mutmassen, dass das geplante grenzenlose Wachstum, bei dem über den Prozess selbst hinaus kein Ende in Sicht ist, eher nicht nachhaltig ist. Pessimismus ist ein Luxus, dem Reiche leicht verfallen. Hoffnung ist sehr oft unter den Armen zu finden, was wir auch von der Lehre Jesu Christi erwarten können. Aber im heutigen Europa ist Pessimismus überall anzutreffen. Ich erinnere mich daran, dass man mir im Deutschen Parlament in Berlin einen Raum gezeigt hat, der den Mitgliedern für Andachten und Meditation zur Verfügung steht. An der Wand waren sechs Holzbildtafeln, deren Bedeutung uns erklärt wurde.
Auf dem ersten Wandbild sprangen Feuersteine aus einem erdfarbenen Hintergrund hervor; auf dem zweiten waren wieder die Feuersteine und die Erde zu sehen, aber auch eine Streuung von mit weisser Farbe überspritzten Nägeln. Bis zur dritten Tafel waren die Nägel in symbolischen Formen angeordnet und bildeten ein Kreuz, einen Stern und einen Halbmond. Auf dem vierten Bild bedeckten die Nägel die gesamte Oberfläche. Bis zum fünften Bild war irgendeine Katastrophe geschehen, und die Nägel waren wie zufällig auf der Fläche der Tafel verstreut und sehr viel weniger an der Zahl. Auf dem sechsten Bild waren die Nägel verschwunden: es gab wieder die Feuersteine, die aus der Erde hervorsprangen, aber bei genauerem Hinsehen war im Innern der Feuersteine ein Schicht von versteinerten Nägeln zu erkennen.
Dies ist eine nüchterne Sicht des Menschenschicksals, aber wenn wir am Ende unserer Kräfte sind (wie so oft in der Schrift), werden uns die Augen dafür geöffnet, dass ein Bild fehlt, um das Ganze abzuschliessen, das symbolische siebte.
Sibiu gab uns einen Eindruck davon, was Europe sein könnte, wenn Christen aus allen Teilen unseres alten zerstrittenen Kontinents im Glauben vereint sind und Hoffnung wächst in allen, die Jesus Christus nachfolgen auf seinem Weg der Liebe, durch sein Leiden und seine Kreuzigung. Wenn wir durch einen Tod wie seinen hindurch gehen, dann werden wir an einer Auferstehung wie seiner teilhaben. Das Thema der fehlenden siebten Tafel ist die Auferstehung. Wer in Christus ist, gehört zur neuen Schöpfung. Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er hat uns in seinem grossen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben.
Richard Chartres
Bischof von London